Der Swiss Canyon Trail ist Geschichte – und was für eine. Mit 113 Kilometern und rund 5.000 Höhenmetern war es das längste Trailrennen meiner bisherigen Karriere. Nach 13 Stunden und 29 Minuten durfte ich mich über einen guten 3. Rang in einem stark besetzten, internationalen Feld freuen. Doch dieses Rennen war für mich weit mehr als nur Zahlen, Platzierungen oder ein harter Wettkampf. Es war eine Reise, die weit unter die Oberfläche ging.

Jenseits der Kilometer: Warum die physische Vorbereitung nur die halbe Miete ist

Sicherlich ist die körperliche Vorbereitung das Fundament. Wer einen solches Wettkampf finishen möchte, kommt an unzähligen Laufkilometern, intensivem Krafttraining sowie spezifischem Uphill- und Downhill-Techniktraining nicht vorbei. Aber all die physische Stärke nützt wenig, wenn man die mentale Seite vernachlässigt.

Wenn man deutlich mehr als 100 Kilometer am Stück in den Bergen unterwegs ist – was bei mir konkret bedeutete, über 13,5 Stunden nonstop Leistung zu erbringen –, kommt der mentalen Stärke und vor allem der mentalen Frische eine extreme Bedeutung zu. Genau aus diesem Grund habe ich mich auf diesen Bereich ebenso vorbereitet wie auf die physischen Kilometer.

Mein mentaler Werkzeugkasten: Atemarbeit & Visualisierung

Um in den entscheidenden Momenten voll da zu sein, arbeite ich mit zwei zentralen Säulen:

  • Atemübungen zur Gedankenkanalisierung: Durch regelmäßige Atemarbeit habe ich gelernt, meine Gedanken gezielt zu kanalisieren. Es hilft mir, ganz im Hier und Jetzt zu weilen und das Gehirn auch während der Belastung zur Ruhe kommen zu lassen.
  • Gezielte Visualisierungstechniken: Diese mentalen Bilder helfen mir in schwierigen Phasen des Rennens, den Fokus sofort wieder auf das Positive zu lenken. Auf technisch anspruchsvollen Abschnitten kann ich mich so voll auf die korrekte Technik konzentrieren und gleichzeitig die nötige Lockerheit bewahren.

Mentales Tapering: Das Geheimnis der Frische im Kopf

Das Konzept des körperlichen Taperings – also das Herunterfahren des Trainingsumfangs vor dem Rennen – kennt fast jeder Athlet und es wird standardmäßig durchgeführt. Woran aber fast niemand denkt, ist das mentale Tapering.

Für mich war es in den Tagen vor dem Swiss Canyon Trail von absoluter Wichtigkeit, den sogenannten „Mental Load“ so klein wie möglich zu halten. Was nützen die erholtesten Beine, wenn der Kopf vom Alltag, von To-do-Listen und Stress müde ist? Erst die Kombination aus körperlicher Ruhe und mentalem Tapering hat es mir erlaubt, mit einem absolut frischen, aufgeräumten Geist an den Start zu gehen.

Die Belohnung: Ein Rennen im „Flow“

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man durch diesen ganzheitlichen Ansatz die eigene Leistung extrem optimieren kann. Ein Wettkampf wird dadurch nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental spürbar leichter.

Genau diese Erfahrung durfte ich am Swiss Canyon Trail machen: Ich hatte über die gesamte Distanz hinweg nie ein mentales Tief und es gab keinen Moment, in dem ich mich gefragt habe, was ich hier eigentlich tue. Ich wusste in jeder Sekunde, dass ich genau am richtigen Ort bin und genau das Richtige tue. Die Zeit verging, ohne dass ich mir groß Gedanken darüber machen musste. Ich war einfach im Fluss und konnte mich voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren: das Laufen, das Verpflegen und das Tun, was ich von Herzen liebe.

Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit

Wenn man stundenlang in den Bergen an seine Grenzen geht, relativiert sich vieles. Während des Rennens begleitete mich ein ganz tiefes Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für meinen eigenen Körper, der zu einer solchen Leistung fähig ist. Und gleichzeitig waren meine Gedanken in vielen Momenten bei all den Menschen und MS-Patienten, denen es aufgrund ihrer Gesundheit absolut unmöglich ist, so etwas zu leisten. Zu wissen, wie wertvoll und keine Selbstverständlichkeit diese Gesundheit ist, hat mir auf den härteren Abschnitten unglaubliche Kraft gesenkt. (Wettkampftag war gleichzeitig der Welt-MS-Tag)